Pressespiegel

10.11.16

Nach Blinddarm-Operation blind

Ludger Wilhelms Premiere als Solokabarettist

Ludger Wilhelm als Willi Prölskowski: „Ich komm aus Wanne-Eickel, lateinisch Castrop-Rauxel“. Foto: Michael Schardt





Fast 30 Jahre war Ludger Wilhelm kabarettistischer Teamplayer, davon ein Vierteljahrhundert als Kopf der „Buschtrommel“. Jetzt gab er im Kreativ-Haus mit seinem ersten Soloprogramm den Einzelkämpfer. „Nur nicht die Wut verlieren“, hat er es überschrieben und im Untertitel „Die Buschtrommel solo“ seine künstlerischen Wurzeln keineswegs verschwiegen.

 

Ein wenig nervös war Wilhelm zu Beginn durchaus. Da war es günstig, etwas in der Hand zu halten, woran man sich bei diesem neuen Kabarettformat halten konnte: eine Ausgabe der Süddeutsche Zeitung, für die er einst selbst schrieb und aus der er nun erfundene, anspielungsreiche Schlagzeilen vorlas. Einen Ablaufplan für den Abend und Leserbriefe zur letzten „Sendung“ („Zuschauer-Erektionen“) hatte er auch mitgebracht, um das eigene Genre köstlich zu karikieren.

 

Große Heiterkeit löste im ausverkauften Saal die Präsentation urkomischer Erfindungen aus: darunter ein tiefergelegter Außenspiegel fürs Auto, ein Versteckstein für den Hausschlüssel oder ein Baseballschläger als „Meinungsverstärker“ gegen Andersdenkende. Politische Akzente wurden im ersten Teil gesetzt. In der Rolle des Paul Traurig erzählte Wilhelm das Märchen von Altbundeskanzler „Das Gerhard“ Schröder, das den großen Zar (Putin) einen lupenreinen Demokraten nennt, oder die Story vom Magier Schäuble, der glänzend Milliarden verschwinden lassen könne. Und Arbeitsministerin Andrea Nahles? Die habe als einzige Qualifikation für ihren Job einen Menstruationshintergrund vorzuweisen.

 

Die Beste von einem halben Dutzend Rollen, in die Wilhelm schlüpfte, war die des Willi Prölskowskis, bei dem nicht nur das eigene Auto, sondern auch der Sarg der Oma tiefergelegt ist. „Ich komme aus Wanne-Eickel, was auf lateinisch Castrop-Rauxel heißt“, weiß Willi. Und wie man an eine neue „Fleppe“ (Führerschein) kommt beziehungsweise wie die Punkte in Flensburg verschwinden: einfach ins „Dark­netz“ gehen und für 500 Euro einen Polen beauftragen.

 

Nach der Pause lief Wilhelm zu großer Form auf und bot bestes zeitkritisches Kabarett. Er ließ Soldat Kunz von seinen Auslandseinsätzen berichten, sang eine Variation von „Zehn kleine Negerlein“ und erfand Schlagzeilen der Bild-Zeitung („Patient nach Blinddarm-Operation blind“; „Penisverlängerung durch rhythmisches Handauflegen“).

 

Ein Debüt der Extraklasse.

 

 

(WN, 07.11.2016, von Michael Schardt)


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